Trein geannuleerd

Am Donnerstagvormittag in die Kennismakerij in Tilburg zu kommen, war leichter gesagt als getan. Alle sorgfältig ausgewählten Züge wurden gestrichen – Trein geannuleerd. Irgendwie fand ich dann doch meinen Weg und es hat sich gelohnt. De Kennismakerij ist ein Pilotprojekt für die Gestaltung der neuen Hauptbücherei in Tilburg. Das Konzept ist das eines Makerspace – Raum um viele verschiedene Aktivitäten zu ermöglichen. Während meines Besuches haben einige Kinder einen Film gedreht, die anderen haben Spielzeug aus Holz hergestellt. Prinzipiell ist die Kennismakerij ein Ort, um alle möglichen Dinge auszuprobieren und andere Menschen zu treffen. Der (geringe) Buchbestand unterstreicht und unterstützt die Aktivitäten der Kennismakerij. Man darf also gespannt sein, wie dieses Konzept in das neue, große Projekt der Bibliothek transferiert wird – die Planungen sind in vollem Gange.

Anschließend – die Züge fuhren wieder normal – blieb mir die Zeit, mich am Weg nach Gouda in Rotterdam umzusehen. Natürlich habe ich hier die wichtigsten, architektonischen Highlights wie das Kubushaus, die neue Markthalle und die Erasmusbrücke nicht ausgelassen. Besonders interessiert hat mich allerdings die neue Zweigstelle am Bahnhof. Der Bestand ist sehr klein, viel mehr wird Wert gelegt auf eine hohe Aufenthaltsqualität und ein einladendes Erscheinungsbild.

Wieder mit dem Zug in Richtung Amsterdam unterwegs war ich am Freitag. Dort waren wir zu einem Treffen mit dem Leiter der CPNB eingeladen. Die CPNB – Stichting Collective Propaganda van het Nederlandse Boek – ist verantwortlich für alle großen, nationalen Kampagnen wie z.B. Nederland leest oder Kinderboekenweek. Diese Kampagnen erzeugen eine große Breitenwirkung und jedes Jahr wird ein bestimmtes (manchmal auch kontroverses) Thema gewählt. „Ik robot“ ist das Gratisbuch zur Aktion und das Thema Roboter findet sich nicht nur in den Workshops in Gouda, sondern in den ganzen Niederlanden wieder.

Auch Utrecht hat eine sehr interessante öffentliche Bibliothek, in der ich am Nachmittag zu Besuch war. Wie schon Tilburg wird auch in Utrecht sehr eifrig an einer neuen, großen Bibliothek geplant. Ich bekam einen Einblick in den Entwicklungsprozess und vor allem die Partizipation der Bevölkerung in Form von Thinktanks habe ich sehr beeindruckend gefunden.

An diesem Punkt muss ich mich als großen Nijntje oder Miffy Liebhaber outen. Natürlich kann man als solcher nicht nach Utrecht kommen ohne im Nijntje-Museum gewesen zu sein. Als Kunsthistorikerin muss ich aber auch noch den besichtigten Dom und den Kirchturm erwähnen. Dieser ist äußerst spannend, da er nicht mehr mit dem Kirchenraum verbunden ist. Diese Verbindung wurde im 17. Jahrhundert durch einen Orkan quasi gekappt.

Am Abend war ein sogenannter Clubavond  - eine Lesung vom Autor Abdelkader Benali geplant. Diese Abende werden für Personen veranstaltet, die eine Büchereimitgliedschaft für jemand anderen gespendet haben. Da die Mitgliedschaften in Gouda für Wiener Verhältnisse relativ teuer sind, gefällt mir diese Idee sehr gut, da somit die Niederschwelligkeit der Bibliothek wieder besser gegeben ist. Man muss dazu vielleicht ewähnen, dass sehr viele Bibliotheken in den Niederlanden zu Stiftungen umgewandelt wurden und nun nicht mehr der Teil der Stadt- oder Landesverwaltung sind. Auch wenn mein Niederländisch quasi nicht vorhanden ist, konnte ich aus Abdelkader Benalis Erzählungen über seinen Start in Rotterdam und der dortigen Bücherei heraushören, dass Bibliothekare für ihn in dieser Zeit mehr oder weniger magische Fähigkeiten hatten und ganz besondere Menschen waren bzw. immer noch sind. Dementsprechend konnte ich diesen Abend sehr genießen.

Als Abschluss meiner Zeit in der Chocoladefabriek in Gouda konnte ich heute Vormittag an einem Roboterworkshop teilnehmen. Obwohl heute die Ankunft von Sinterklaas in den Niederlanden gefeiert wird, nahmen einige Kinder teil. Ein kleiner Exkurs zu Sinterklaas: hier in den Niederlanden bringt er die Geschenke und die Feiern sind viel größer als zu Weihnachten. Zu meiner großen Freude hat Sinterklaas auch für mich ein Geschenk in meinem wundervollen B&B Betty Blue hinterlassen. Der Roboterworkshop war großartig. Kinder unterschiedlicher Altersstufen konnten verschiedene Roboter von Lego zusammenbauen und programmieren. Auf eine spielerische Art und Weise konnten sie so das Konzept des Programmierens kennenlernen.

Nach einem Besuch im Käsemuseum in Gouda, das natürlich auch nicht fehlen durfte, machte ich mich noch auf den Weg zum Uitleenpunt Goverwelle. Diese sehr kleine Zweigstelle wird ohne Personal vor Ort betrieben, es steh nur ein Selbstverbucher zur Verfügung. Sollte jetzt jemand die Verbindung zu den Robotern herstellen, trifft das nicht zu, denn die Bücher werden von Personen wieder ins Regal gestellt. Die Zweigstelle Goverwelle befindet sich in einem Gebäude mit anderen Institutionen und so kann dieses Konzept wahrscheinlich funktionieren. Die Zweigstelle ist auch nicht rund um die Uhr geöffnet. Zusätzlich zu diesen unbemannten Zweigstellen gibt es außer der Chocoladefabriek auch noch kleinere Kinderbibliotheken.

©Text und Fotos Lucia Laschalt

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